Die Welt der Herdenschutzhunde

Einige Ratschläge zu ihrer Haltung und Erziehung von Günther Bloch

Wir danken der Herrn Günther Bloch für die freundliche Überlassung dieses Textes!

1. Einleitung

2. Grob umrissene Einblicke in die Geschichte

3. Umsichtige Sozialisierung und Haltungsbedingungen

4. Die Erziehung von Herdenschutzhunden

5. Typische Aggressionspotentiale

6. TAIGA - die Odyssee einer kaukasichen Owtscharkahündin


1. Einleitung

Das Telefon klingelt. Wieder einmal hat jemand einen Herdenschutzhund „in gute Hände“ abzugeben. Wieder einmal ein hoffnungslos überforderter Mensch am anderen Ende der Leitung. Wieder einmal unterhalten wir uns über einen dieser „idealen Haus- und Familienhunde“, die doch so einfach zu halten sind. Man braucht schließlich nur viel Liebe und Geduld, um einen Hirtenhund zu erziehen.

In Deutschland kommen immer mehr Herdenschutzhunde wie Maremmano, Kangal, Akbash, Owtscharka oder Kuvaczschläge auf den Exotenmarkt, die nicht selten aus dem jeweiligen Ursprungsland stammen. Zeitungsinserate überschlagen sich mit Beschreibungen der Superlative: „Attraktiver Freund der Familie“, „unbestechlicher Familienhund“, „große, liebe und anpassungsfähige Hunde“ oder „sanfte Beschützer der Familie“.

Auffällig ist, daß einige Züchter noch nicht einmal die grundsätzlichen Veranlagungen(!) ihrer eigenen Hunde kennen: Da werden Herdenschutzhunde plötzlich und völlig unerwartet zu Hütehunden, die sanft aber bestimmt verirrte Schafe zu ihrer Herde zurückführen (wie rührselig) oder Owczarek Podhalanski zu Hütehundschlägen umfunktioniert, weil es gerade ins Kalkül paßt. Mißverständnisse entstehen, weil die Bezeichnung „Owtscharka“ für „Schafshund“ oder „den Hund des Schäfers“ steht. Zuvor wurden diese „Schafshunde“ oft bedenkenlos aus einem Ursprungsland in unser dicht besiedeltes Deutschland gekarrt, obwohl der in einer Reihenhaussiedlung lebende Hundehalter in spe terminlich absehen kann, wann sein mißtrauischer Vierbeiner per Brief vom Ordnungsamt festgelegte Bellperioden vorgeschrieben bekommt. Aber diese Bellintervalle lassen sich ja durch Elektroschockgeräte beeinflussen.

Haushunde werden genormt und haben sich gefälligst auf Biegen und Brechen anzupassen. Hirtenhunde sind ja außerdem etwas Besonderes, da weiß der nachfragende Laie auf der Straße wenigstens nicht sofort, unter welche Rasse der imposant vor ihm stehende Hund einzuordnen ist. Stolz ist man auf den „Exoten“, der ständig mit Hütehunden verwechselt wird. Dabei wäre der krasse Gegensatz zum Herdenschutzhund ganz einfach in einem Satz zusammenzufassen: Hütehunde MÜSSEN das Verhalten von Nutzvieh (Schafen, Ziegen, Rindern) beeinflussen, um sie in eine gewünschte Richtung oder Position zu bringen; Herdenschutzhunde dürfen Nutzviehverhalten nach umsichtiger Sozialisierung KEINESFALLS beeinflussen, denn sie sollen ja Schafe oder Ziegen vor Raubtieren wie Braunbär, Wolf oder Fuchs bewachen und schützen. Herdenschutzhunde und Nutzvieh formen einen Sozialverband. Der Hund wird - überspitzt formuliert - zum Schaf (Bloch, 1998). In Deutschland stammen die meisten Herdenschutzhunde, sieht man von oben erwähnten immer häufiger vorkommenden Ausnahmen ab, nicht mehr aus Arbeitslinien. Heimische Zuchtverbände sollten sich allerdings in Zukunft entscheiden, wohin „die Reise“ geht. Nur konsequent auf „Schönheit“ zu züchten, reicht bei weitem nicht aus.

Daß diese Trennung möglich ist, zeigen die strikt in Familienhunde und Arbeitslinien getrennten Zuchtbemühungen in Frankreich (Pyrenäen-Berghunde). Planlose Hundevermehrung kann jedenfalls kein erstrebenswertes Ziel sein. In den letzten Jahren entwickelte Wesenstests (z.B. Club für ungarische Hirtenhunde) lassen zumindest konsequentere Umsetzungen von Zuchtausschlüssen (z.B. angstaggressive Tiere) zu. Selbstverständlich gibt es auch sonst sehr verantwortungsvolle Züchter, und viele Herdenschutzhunde werden seit Generationen auf Haus- und Familienhunde sozialisiert. Viele Hundehalter beklagen sich allerdings gerade über jene hundetypenbestimmende Verhaltensbesonderheiten, die bei aller Zuchtmanipulation zum Familienhund geblieben seien (Bloch 1999, in Druck).

2. Grob umrissene Einblicke in die Geschichte

Lange Zeit blieb uns die osteuropäische bzw. zentralasiatische Literatur verborgen. Erst in den letzten Jahren haben wir Zugang in Richtung hochinteressanter Bücher und Schriften erhalten, die uns ein wenig Aufschluß geben. Der Ursprung aller Herdenschutzhunde geht wohl auf die im Volksmund als Tibetdogge oder Tibetmastiff bekannten, ehemals als Kampf- bzw. Wachhund eingesetzten doggenartigen Hunde zurück. Die Tibeter bezeichnen ihre eigenen, meist zum Schutz von Nutztierherden und Siedlungen eingesetzten Tiere als Do Khi, die bereits im Jahre 1121 v.Chr. Erwähnung finden. Aus diesem Ursprungsgebiet gerieten diese Hunde zunächst über China in die Mongolei, dann nach Zenralasien und Mesopotamien. Ihre Verbreitung nahm rasch zu, und die „Tibeter“ vermischten sich in den neuen Lebensräumen häufig mit einheimischen Hundeschlägen. Teilweise verloren sie nun den langen Behang und erhielten eine vielfältige Färbung. Die meisten äußerlichen Merkmale blieben erhalten: der große Wuchs, der kräftige Körperbau, der massive Kopf mit der umfangreichen, doch nicht sehr langen Schnauze. Einige Tiere wurden mit Barsoi-Hunden verpaart und zur Jagd abgerichtet. Denkmäler der assyrisch-babylonischen Kunst retteten die Abbildungen der alten doggenartigen Hunde bis in unsere Zeit. Auf dem Hof des assyrischen Zaren Aschurbanipal (7. Jh. v. Chr.) wurden ebenso ausgezeichnet erhaltenene Darstellungen von Umzügen gefunden, in denen die Hauptdarsteller große, doggenartige Kriegshunde waren. Aus Mesopotamien drangen sie ins antike Griechenland, von dort unter der Bezeichnung Molosser verbreiteten sie sich um das ganze Mittelmeer (Hoefs, 1998). Mit der Zeit entwickelten besonders Schäfer und Hirten einen Hundetyp, der über die Mongolei in den vielen ehemaligen Sowjetrepubliken vom Süden Sibiriens bis ins östliche Kasachstan u.a. als Herdenschutzhund eingesetzt wurde.

Charakteristisch ist auch heute noch das Verhaltensrepertoire:

  • Mißtrauen gegenüber allem Fremden, eigenständiges Handeln,

  • blitzschnelles Umschalten aus ruhigem, phlegmatischem Verhalten in eine höchste Alarmbereitschaft,

  • eine Verteidigungsbereitschaft und massives Bellverhalten bei Gefahr,

  • territorial motivierte Angriffsbereitschaft besonders mit Einbruch der Dämmerung.

Auch heute noch wird der Herdenschutzhundetyp des jeweiligen Herkunftslandes primär auf Verhalten selektiert und per staatlicher Unterstützung, z.B. in Turkmenistan, sogar nur über Rüdenkämpfe (meist ritualisierte Auseinandersetzungen) zur Weiterzucht verwendet. Auch in Afghanistan finden immer noch traditionelle Auswahlkämpfe statt. Man mag dazu stehen wie man will. Verhalten steht im Mittelpunkt der Betrachtungen und nicht primär das extrem standardisierte Äußere. Herdenschutzhunde leben auch heute noch unter ,,knallharten" Lebensbedingungen: Ihre Umwelt ist oft von schwierigem Terrain und kontinentalem Klima geprägt (z.B. kirgisische oder mongolische Steppe, kaukasische Gebirgslandschaft etc.); ihre Ernährung ist sehr karg (Hirten leben meist in ärmlichen Verhältnissen). Heute arbeiten Herdenschutzhunde selbst im westlichen Zipfel Europas (portugiesischer Estrella-Berghund). Bedauerlich ist, daß viele Arbeitshunde von Touristen oder Radikaltierschützern in unser Land verbracht werden, obwohl der Genstock in den Ursprungsländern dadurch immer weiter eingeengt wird und zudem Nutztierherden den Angriffen durch Raubtiere oft schutzlos ausgeliefert sind. Am Ende sind Braunbär und Wolf die Leidtragenden (Bloch 1999, in Druck).

3. Umsichtige Sozialisierung und Haltungsbedingungen

Die Sozialisierung von Arbeitshunden steht im krassen Widerspruch zur Prägung auf den Menschen. Junge Herdenschutzhundewelpen sollten sehr frühen Kontakt zu Nutztieren haben, damit sie einen Sozialverbund formen können. Kontakte zu Menschen ist für diesen Formungsprozess eher kontraproduktiv (Ancona 1985). Gut sozialisierte Herdenschutzhunde müssen gegenüber Nutztieren vertrauensvoll sein und diese aufmerksam und verteidigungsbereit bewachen (Bloch, 1995). Canidentypisches Raubtierverhalten, wie die Aufnahme direkten Blickkontaktes bei gleichzeitigem Abducken des Vorderkörpers gegenüber Nutzvieh, ist bei guten Arbeitshunden selten zu beobachten und wenn sehr schwach ausgeprägt. Die Verhaltensmuster Scheuchen und Zupacken werden aufgezeigt (Coppinger, 1995).

Wenden wir uns nun aber den Haus- und Familienhunden zu, deren Besitzer mit einigen typischen Herdenschutzhundeverhaltensweisen große Schwierigkeiten haben. Natürlich unterscheiden sich einige Rassen voneinander. Ungarische Kuvaszok sind normalerweise wesentlich beweglicher und brauchen demnach viel mehr Beschäftigung als z.B. Pyrenäen-Berghunde. Fast alle Herdenschutzhunde sind allerdings schwierig über Spielzeug oder Futter zu motivieren, um Unterordnungswillen nach herkömmlichem Muster zu demonstrieren (Bloch, 1999, im Druck). Vorweg genommen sei, daß es stets die Ausnahme von der Regel gibt. So konnten wir unlängst eine ungarische Kuvaczhündin bestaunen, die hochmotiviert und freudig apportierte. Dieses Verhalten ist jedoch für Herdenschutzhunde eher untypisch, so daß wir im weiteren Verlauf von oft wiederkehrenden Verhaltenstendenzen sprechen möchten. Diese sind jedoch eindeutig.

,,Sein Gesicht zu verlieren" mag dieser eigenständige Typ gar nicht.

Es muß Betonung finden, daß von einer umsichtigen Sozialisierung viel abhängt. Herdenschutzhundewelpen müssen während der sensiblen Entwicklungsphase mit allen verhaltensökologischen Umständen vertraut werden, die später zu einem alltäglichen Routineablauf gehören sollen. Das Verhalten von Herdenschutzhunden hängt entscheidend von einer korrekt durchgeführten Sozialisierung und Jugendentwicklung ab (Coppinger, 1995).

Züchter haben also die Pflicht, eine breitgefächerte Routine herzustellen (regelmässiger Umgang mit Kindern, Umwelteinflüsse, Integration von eher unüblichen Körperhaltungen und Bewegungsabläufen von Menschen, Kontakt zu Artgenossen, Katzen, Hühnern etc., Geräuschkulissen, besondere Gewöhnung an optische Eindrücke mit wechselnden Licht-Zyklen).

Hundehalter haben die Pflicht, vorausschauend in die Zukunft zu planen (regelmäßiger Kontakt zu Nachbarskindern und Freunden der Familie, regelmäßiger Besuch von gemischten Welpengruppen, regelmäßige Duldung von Vertrauten der Familie im Pkw, Nachbars Katze oder Kleingetier, Mofas, Skateboards, Fahrräder, Postbote, Schornsteinfeger, Lebensmittellieferant etc.). Wir unterstreichen diese Notwendigkeiten, weil wir wissen, daß ein eventueller territorial motivierter Angriff auch nicht vor der zuvor dem Herdenschutzhund unbekannten Schwiegermutter halt macht. Überhaupt ist der Schutz des Territoriums zentraler Bestandteil eines Herdenschutzhundelebens. Sie begegnen allem außerhalb der Routine stehendem mit großem Mißtrauen, so daß an dieser Stelle von Schutzdienstarbeit dringend abgeraten werden muß.

Die Gewöhnung an vielfältige Routineabläufe in der Jugendentwicklung mindert das ansonsten massiv aufgezeigte Bellverhalten. Da sich Verhaltensweisen erst formen müssen und noch keiner festgefahrenen Etablierung unterliegen, kann die Alarmbereitschaft eines Herdenschutzhundes durchaus gelenkt werden. Dabei ist die eingenständige Handlungsbereitschaft dieser Tiere nochmals zu unterstreichen. Wer Sandkasten oder Schaukel der Kinder im Vorgarten nahe des Eingangsbereiches plaziert, darf sich über eine extrem ausgeprägte Verteidigungsbereitschaft seines ,,Schafshundes" nicht wundern. Die als besonders schutzwürdig erachtete „Reproduktion“ im Sinne von Nachwuchs in der Sozialgemeinschaft läßt grüßen. „Aufmerksamkeitsverhalten“ wird zwischen vier und vierzehn Wochen gelernt, wenn der Herdenschutzhundwelpe seinen Sozialverbund formt (Coppinger, 1995). Auch die Fütterung des Welpen sollte im Hinblick auf späteres Territorialverhalten umsichtig erfolgen. Herdenschutzhunde lieben es, zur besseren Übersicht Anhöhen zu nutzen. Eine Fütterung auf Balkonen, Terrassen oder in Hauseingangsbereichen unterstreicht nicht gerade selten ihre Bereitschaft, diese strategisch wichtigen Örtlichkeiten zu verteidigen. Wir beobachteten in regelmäßigen Abständen Futter verteidigende Erwachsene, so daß die Herausgabe von Knochen usw. über den angewandten Schnauzgriff bereits im Welpenalter eingeübt werden muß. Vor der Bereitstellung des Futternapfes sollte das Zentralkommando „Sitz“ Einbindung finden. Von einer Ernährung mit Hochleistungsfutter ist abzuraten, um überaktives Verhalten zu vermeiden.

Ländliche Gefilde stellen für Herdenschutzhunde ideale Rahmenbedingungen dar. Das jeweilige Grundstück muß ausreichend eingezäunt sein. Bauernhöfe und landwirtschaftliche Betriebe, Pferdeställe und Höfe lassen den Welpen in einem Umfeld aufwachsen, in dem eine umfassende Sozialisierung auf Nutztiere gewährleistet ist. Auf Grund ihrer Eigenständigkeit können diese Hunde problemlos im Freien gehalten werden; auch die Bewachung von Betriebsgeländen, Industrieanlagen, Autohöfen etc. kommt ihrem Beschützer-Naturell entgegen. Hier muß allerdings deutlich betont werden, daß der Zweck nicht die Mittel heiligt, sondern regelmäßiger Kontakt zum Hundehalter (besonders als Junghund) eine Selbstverständlichkeit bedeutet. Soll ein Welpe im Hausstand heranwachsen, ist seitens des Menschen eine konsequente Tabuwelt aufzubauen, wobei auf Brachialgewalt zu verzichten ist.

4. Die Erziehung von Herdenschutzhunden

Dieser Hundetyp braucht einen ruhigen, souveränen Sozialpartner Mensch, der keine Schwächen aufzeigt.

Wer einen bloßen Befehlsempfänger sucht, sollte von diesem Hundetyp die Finger lassen!

Herdenschutzhunde sind bereits im Welpenalter auffallend selbständig und selbstbewußt. Machogehabe vertragen sie ausgesprochen schlecht, Kasernenhofdrill ist ihnen äußerst suspekt, so daß sie sich dagegen frühzeitig auflehnen. Agieren statt reagieren heißt die erzieherische Devise. Vorleben und Initiative zeigen! Herdenschutzhunde schlägt man am besten mit ihren eigenen Waffen. Ignoranz kann sich nur der Ranghohe leisten, ein Qualitätsmerkmal für umsichtige Führung (Bloch, 1999, in Druck). Erwarten Sie jedoch nicht zuviel von einem Welpen, denn Herdenschutzhunde reagieren im allgemeinen wesentlich langsamer als Vertreter kleinerer Rassen (Sims + Dawydiak, 1990). Den Gedanken des Agierens nochmals aufgreifend empfehlen wir, während der Junghundephase bei Spaziergängen einen imaginären Punkt in der Landschaft anzusteuern und den Hund mittels langer Leine in eine Folgebereitschaft (zunächst ohne Kommandogebung) zu zwingen. Hat der Hundehalter einmal gelernt, stur seinen Weg zu ziehen, ist die erste und wichtigste Lektion an den Hund vermittelt worden. Die meisten Menschen haben nämlich das Problem, „zu gehen“, ohne dabei ständig auf ihren Hund zu achten. Häufige Richtungswechsel im Gelände zeigen dem Junghund, daß es die Leitfigur Mensch tatsächlich ernst meint. Stachelhalsbänder und andere Starkzwanghilfsmittel erzeugen beim eigenwilligen Herdenschutzhund nur Widerwillen und Gegenwehr, die gegebenenfalls notwendige Alternativführung über Halti-Kopfhalfter bei gleichzeitig ruhigem, aber kosequentem Auftreten des Menschen kann als wesentlich vielversprechender angesehen werden. Die Erziehung eines solchen Hundes erfordert unbeirrbaren Weitblick und Vertrauensaufbau (Bloch, 1999, in Druck).

Training über positive Verstärkungspotentiale nutzt man am besten zunächst innerhalb eines Raumes oder überschaubaren, weil eingezäunten Geländes. Der Hund wird gerufen, wenn er gerade im Begriff ist zu kommen; der Sitz- oder Platzbefehl erfolgt bei entsprechender Handlung. Der Unterschied zwischen Herdenschutzhunden und anderen Rassen liegt darin, daß sie bei exzessiven Übungen schnell gelangweilt sind. Das Unterordnungstraining sollte deshalb anfangs sehr kurze (max. fünf bis zehn Minuten) Zeitintervalle umfassen, die zudem einer häufigen Variation unterliegen müssen (Sims + Dawydiak, 1990). Innerhalb des Hausstandes gilt der besondere Augenmerk den Privilegien und dem Status Quo in der Sozialrangordnung, besonders wenn der Herdenschutzhund ständig als Forderer auftritt. Agieren heißt hier, zuerst durch Türeingänge zu gehen, keine erhöhten Liegepositionen auf Bett oder Sofa zuzulassen, nicht auf geforderte Streicheleinheiten einzugehen, gemeinsames Spiel zu starten und zu beenden, dem Hunde feste, strategisch bedeutungslose Liegeplätze zuzuweisen (besonders zur Duldung von Besuch), Futterplätze umsichtig zu wählen und seinem natürlichen Wach- und Schutzinstinkt klare Grenzen zu setzen (Bloch, 1999, in Druck).

Da Herdenschutzhunde die ersten beiden Jagdsequenzen meist nur in einer sehr verkümmerten Form aufzeigen (s.o.) starten sie oft „aus dem Nichts“ in die Hetzphase durch. Junge Herdenschutzhunde müssen einer genauen Beobachtung unterliegen, ein ansatzweise durchgeführter Verhaltensabbruch über DiscScheiben oder Master-Plus-System zeigt in unserer Hundeschule zufriedenstellende Ergebnisse. Das richtige Timing und Umleitung auf ein Alternativverhalten sind unerläßlich, so daß ein System vertrauter Hundetrainer zu kontrollieren ist (Bannes-Grewe und Bloch, 1998). Von herkömmlichen Trainingsmethoden (über Stachelhalsband auflaufen lassen, Drilltraining usw.) ist dringend abzuraten. Leider landen viele verzweifelte Herdenschutzhundebesitzer bei Trainern, die keine hundtypenbestimmende Verhaltensbesonderheiten kennen und nur über Härte und Gewalt arbeiten. Ein Desaster ist die Folge. Wenn nicht zuvor in kleinen Schritten während der sensiblen Phase eingeübt, sollte auf das allseits praktizierte „durch eine Hundegasse gehen“ innerhalb des Gruppentrainings unbedingt verzichtet werden. Die meisten Herdenschutzhunde brauchen eine Individualdistanz, um geschlechtsgleiche Hunde zu tolerieren. Die Demonstration der menschlichen „Alphastellung“ auf Biegen und Brechen durchpauken zu wollen, ist kontraproduktiv und tritt das Gebot der konditionierten Aggression mit Füßen. Dieser konditionierte Verhaltensablauf findet auch statt, wenn der Hundehalter fortlaufend den gleic hen Spaziergang wählt und sein Herdenschutzhund bestimmte Menschen und deren Hunde mit denselben Örtlichkeiten zuvor negativ verknüpft hat.

5. Typische Aggressionspotentiale

Herdenschutzhunde können besonders aufgrund unzureichender Sozialisierung ausgesprochen unangenehm sein, weil sie dann einer Mischmotivation zwischen Angriffs- und Fluchtverhalten folgen. Hektische und unausgeglichene Hundehalter verstärken dieses Problem in einem ganz entscheidenden Maße. Oft wird Unsicherheitsverhalten mit Dominanz verwechselt, weil der hochterritoriale Herdenschutzhund sich innerhalb heimischer Gefilde sicher fühlt und so die eigentliche Ängstlichkeit geschickt kaschiert. Lernen am Erfolg bedeutet wiederum konditionierte Aggression, die auf dem aus der Psychologie bekannten Platzlernen basiert. Herdenschutzhunde verändern ihr Verhalten mit wechselnden Licht-Zyklen, das heißt, die viel strapazierte Reizschwelle sinkt mit Zunahme der Dunkelheit, und der Hund zeigt sich aggressiver (seine arbeitenden Verwandten werden nachts mit dem Erscheinen von Raubtieren konfrontiert). Schlecht erkennbare optische Außenreize stehen außerhalb der verhaltensökologischen Routine, so daß der Herdenschutzhund massiv bellt und jederzeit verteidigungsbereit ist. Ein Angriff kann - territorial motiviert - blitzschnell erfolgen. Territorial motiviert verteidigen viele Herdenschutzhunde auch Autos in einem übersteigerten Maße. Hier gilt es, die Außenreizanlage durch Verdunkelung der Scheiben oder durch Nutzung einer Transportkiste zu verändern.

Im heimischen Territorium ist dem Markierungsverhalten besondere Beachtung zu schenken. Uriniert der Herdenschutzhund ganz gezielt, scharrt und brummt regelmäßig, muß der Futterplatz gegebenenfalls drastischer Veränderung unterliegen (hinter das Haus, in den Keller oder die Waschküche, in einen ruhigen Raum).

Sehr viele Herdenschutzhunde folgen einer engen Personenbindung, so daß sozial motivierte Angriffe gegenüber Zweit- oder Dritthunden im Hausstand stattfinden. Hier sollte der Mensch Dominanz demonstrieren und für Ordnung in der Sozialrangordnung sorgen. Gleiches gilt für sozial motivierte Angriffe auf andere Menschen. Zeigt ein Hund Personenbindung an einen bestimmten Menschen, aber Aggressionen gegenüber anderen Mitgliedern der Familie, ist neben einer teilweise mehrwöchigen, ausnahmslosen Handfütterung, völlige Ignoranz anzuraten (aufstehen und rasches Entfernen, Veränderung der Sozialrangordnungsprivilegien, Nichtbeachtung des Hundes). Übersteigerte Futteraggression ist oft auf Knochen und Ersatzbeute gerichtet, so daß eine direkte Verhaltenskorrektur mitunter sehr schwierig ist. Pauschale Ratschläge bringen nichts. Die Vermeidungstaktik (der Hund bekommt keine Knochen mehr) und die Umleitung auf Alternativverhaltensweisen sind tendenziell am vielversprechendsten. Nicht kontrollierbare Aggressionen sollten von einem sachkundigen Herdenschutzhundespezialisten überprüft werden. Da Herdenschutzhunde aufgrund ihres massiven Körperbaus öfters an HD, Spondilose und anderen Krankheiten leiden, muß bei plötzlich auftretenden Aggressionen ein Tierarzt konsultiert werden, um schmerz-assoziierte Angriffe entweder auszuschließen oder gegebenenfalls bestätigen zu können. Gerade auf körperlich empfundenen Schmerz zurückzuführenden Angriffen mißt man sehr wenig Bedeutung zu, statt dessen soll der ,,sture" Herdenschutzhund über Gewaltmaßnahmen die notwendige Unterordnung erfahren. Der selbsternannte „Fachmann“ erklärt derweil die „Alphastellung“ innerhalb einer Rudelstruktur (Bloch, 1999, im Druck).

Wie bereits erwähnt, hassen es Herdenschutzhunde „ihr Gesicht zu verlieren“. Dem Hund unbekannter Besuch, Bedienungspersonal im Restaurant oder Passanten in der Fußgängerzone sollten instruiert werden, einen Herdenschutzhund keinesfalls unaufgefordert anzusprechen oder gar zu streicheln. Ignoranz unter Vermeidung direkten Blickkontaktes gegenüber dem Hund provoziert keine sozial motiverten Angriffe bzw. Mißmutsäußerungen in Form von Knurrlauten. Die meisten Herdenschutzhunde wollen in Ruhe gelassen werden und verhalten sich nach umsichtiger Sozialisierung relativ neutral. Eine Führung über Halti in engen Gassen u.ä. läßt bei Mensch und Hund erst gar keinen Streß aufkommen.

6. TAIGA - die Odyssee einer kaukasichen Owtscharkahündin

Aus dem Ursprungsland kommend, über einen Privatmann aus dem Ruhrgebiet an eine Tierschutzvereinigung abgegeben, an einen älteren Herm weitervermittelt, landete die Owtscharkahündin im Februar 1998 zwecks Verhaltensüberprüfung bei uns. Die zweijährige Hündin zeigte angeblich unkontrollierte Aggressionen. Ein solch junges Tier in fünfter Hand! Den einleitenden Text dieses Artikels noch einmal in Erinnerung rufend, ein leider klassisches Beispiel für einen „idealen Familienhund“, der ein ums andere Mal in „gute Hände“ abzugeben war. Leider kein Einzelfall. Herdenschutzhunde brauchen ein verhaltensökologisches Umfeld, das ihren Bedürfnissen entspricht.

Die Hündin Taiga bellte drei Tage lang durch, offensichtlich mußte sich der angesammelte Energiestau erst einmal entladen. Entgegen den unsinnigen Bestimmungen der Tierschutzvereinigung wurde eine geräumige Hundehütte bestellt, und Taiga durfte ab sofort ein 10.000 qm umfassendes, selbstverständlich eingezäuntes Gelände bewachen. Die Hündin ist ein Klassiker. Bevorzugt nutzt sie das Flachdach der Hütte zur besseren Übersicht, stimmt sich durch leichtes Brummeln ab der Dämmerung in ihren Job ein, um nachts selbständig das Terrain zu bewachen. Am Tage ist sie gegenüber fremden Menschen reserviert, nachts extrem aufmerksam und verteidigungsbereit. Territorial motiviert rast sie bei außerhalb der Routine stehenden Ereignissen bis zum Gartentor und macht jedem unmißverständlich klar, daß sie ihre Wachaufgaben sehr ernst meint. Territorialansprüche meldet sie über gezielt abgesetzte Urinmarkierungen im Vorgarten an. Die massive Verteidigung von Knochen ist erledigt (zwecks alternativer Gebißreinigung gibt es nur noch harte Hundekuchen). Die territorial motivierte Aggression im Auto (auch gegenüber uns) wich einer Umkonditionierung auf ein klar umrissenes Sichtzeichen in Richtung einer regelmäig ca. 10 m vom Auto entfernt aufgestellten Futterschüssel. Die Drohgesten der Hündin wurden nach Öffnung der Ladeklappe komplett ignoriert und direkter Blickkontakt vermieden.

Nach einigen Wochen intensiven Kontaktaufbaus startete Taiga sozial motivierte Angriffe auf Personen, wenn sie auf unserer Terrasse zu meinen Füßen lag. Verbale Kommandos oder der Einsatz einer Wurfkette brachten keinen Erfolg. Nachdem ich das Verhalten ignorierte, kommentarlos aufstand und in eine andere Richtung ging, verschwand die Unart nach zwei Wochen Training. Taiga, die kurz vor dem Einschläfern stand, ist mittlerweile ein Traumhund. Sie ist und bleibt eine Owtscharkahündin, hat jedoch nach einer wahren Odyssee ein verhaltensökologisches Umfeld angetroffen, das eines Herdenschutzhundes würdig ist.

Herdenschutzhunde sind pauschal eben keine idealen Haus- und Familienhunde, es sind Caniden der besonderen Art.

Weiterführende Literatur:

Ancona, George: Sheep Dog (Buch, 1985)
Bloch, Günther: Boris und Dolina, die Sozialisierung von zwei Tatra-Berghunden (Publikation, GzSdW, 1995)
Bloch, Günther: Der Wolf im Hundepelz (Buch, 1998)
Coppinger, Ray: Evolution of working dogs (Buch, 1995)
Coppinger, Ray: Livestock Guarding Dogs (Publikation, 1985)
Sims + Dawydiak: Livestock Protection Dogs (Buch, 1990)


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